Schlangen in Südwest-Afrika

aus dem Kunstmuseum Hamburg


Es gibt in Südwest eine ganze Reihe von giftigen und ungiftigen Schlangen. Von den ersteren ist die Puffotter die häufigste. Naturgemäss haben die Eingeborenen grosse Angst vor Schlangen, sind sie doch mit ihren meist blossen Füssen, der oft geringen Bekleidung und durch das ständig Herumliegen und -hocken auf der Erde einer Bissgefahr weit mehr ausgesetzt als wir Weissen. Demnach ist auch der Abscheu vor den Tieren und die Wut auf sie bei ihnen noch bedeutend grösser als bei uns.

Trotz des häutigen Vorkommens giftiger Schlangen in Südwest passiert durch sie verhältnismässig selten ein Unglück. Das liegt wohl daran, dass die Schlange den Menschen eigentlich nie angreift, sondern sich nur zur Wehr setzt, wenn sie angegriffen wird. Allerdings betrachtet sie es noch als Angriff, wenn ein schlafender Mensch, bei dem sie untergekrochen ist, sich rührt und sie dabei anstösst.

Vorsicht ist draussen stets geraten, wozu vor allem gehört, dass man beim Gehen im hohem Gras, zumal in Flussniederungen, Gamaschen oder Reitstiefel trägt. Einen Stock oder Reitpeitsche hat man ja eigentlich stets zur Hand, eine Waffe, die meist auch genügt.

Meine erste Bekanntschaft mit einer grösseren Schlange machte ich, als ich einem angeschossenen Bock in dichtem Gebüsch suchte. Unmittelbar unter meinen Händen, mit denen ich die niedrigen Büsche auseinandernahm, um Spuren und Schweiss zu suchen, sauste eine dicke Schlange in ihr einen Schritt entlerntes Erdloch, tauchte aber sofort wieder auf, um sich mit boshaftem Zischen und Blinzeln zur Verteidigung halb aufzurichten. Natür ich machte ich zunächst einen Satz rückwärts. Das unerschrockene Anstarren des Tieres und sein Zischen und Fauchen verwirrte mich und ich musste erst tief Luft holen und eine halbe bis eine Minute warten, bis ich sie durch den Hals schiessen konnte. Obwohl 25 bis 30 Eingeborene beim Lager waren, auch Bastards dabei, fand ich keinen, der sie mir abhäuten wollte.

Welch zähes Leben die Tiere haben, konnte ich beobachten, als ich als Einjähriger den Feldzug mitmachte Auf Pferdewache rief mein Nachbar plötzlich angsterfüllt nach mir, so dass ich schon glauben musste, die Hottentotten hätten ihn am Kragen. Als ich hinkam, stand er blass und zitternd vor einem dichten Busch, in dem eine Schlange sein sollte. Nach längerem Suchen fand ich sie unter dichtem, dürrem Gras und Laubwerk und spiesste sie mit dem aufgepflanzten Seitengewehr auf. 10 Minuten weit trug ich sie zum Lager, wo wir sie mit zwei Seitengewehren auf die Erde hefteten. Wir hatten bereits Erbswurst gekocht und gegessen, als ein anderer Soldat hinzukam, der das ekelhafte Ding befühlte und untersuchte, sich wundernd, dass es so dick war. Es war eine Puffotter, von der reichlichen Dicke eines sehr starken Männerarmes; „sie hat wohl gerade gefrühstück“, sagte ich deshalb, als sich plötzlich der Rachen der Puffotter auftat und eine feine Schlangenspitze heraussah. Wir zogen diese Spitze heraus und zogen — und zogen — bis wir endlich eine zweite Schlange heraushatten von 1,20 Meter Länge, während die Pulfotter selber nur 1,40 Meter lang war.

Die gefressene Schlange war völlig unversehrt und nur mit einer braunen, schleimigfetten Schicht überzogen. Beim Herausziehen wurde die totgeglaubtc Puffotter plötzlich wieder lebendig, sie machte einige kräftige Körpeikrümmungen, dadurch schlitzte das Seitengewehr, das seitlich im Hals steckte, durch, einige kräftige Klimmzüge, dann war auch der Schwanz durchgespalten, und fort sauste das Tier! Ich bekam erst wieder Leben, als ich sah, dass die Schlange um mich herumsauste, direkt auf den hinter mir auf seinem Sattel schlafenden wachhabenden Unteroffizier; kaum aber hatte ich diesen an den Beinen fortgerissen, als die Schlange neben ihm mit einem Ruck anhielt, sich aufrichtete und in blinder Wut auf den nun leeren Sattel einbiss. Nun erst flüchtete sie weiter in einen vier Meter hohen Baum mit zwei Meter hohem schlanken glatten Stamm, von wo wir sie dann herunterschossen. Tatsächlich waren Hals und Schwanz ganz aufgeschlitzt.

Ziemlich tollkühn verfahren die Buschleute, von denen unter den Eingeborenen die Sage geht, dass sie sich von Kindheit auf durch Gifteinimpfung immun gegen Schlangenbiss machen. Sie benutzen dasselbe Mittel wie die Schlange, die ihr Opfer gewöhnlich hypnotisiert; sie kriechen auf die Schlange zu, langsam, ganz langsam, strecken vorsichtig die Hand aus und umklammern dann mit schnellem Griff den Hals des Tieres, das an keine Gegenwehr denkt, sondern nur seine Augen in die des Gegners zu bohren scheint.

Wie kindisch ängslich die übrigen Eingeborenen sich gegenüber Schlangen anstellen, erfuhr ich, als mir meine schwarze Küchenfee eines Tages erklärte, sie würde kein Wasser mehr aus dem Brunnen holen, da drunten eine Schlange sei. Ich glaubte dies zunächst nicht, konnte auch von oben nichts sehen. Mein Reden und Schelten half nichts, auch meine Erklärung nicht, dass die drunten hausende Schlange das Weib droben doch nicht fressen könnte; es war nichts zu machen, ich bekam kein Wasser; vielmehr kam am andern Tage die ganze Werft (Dorf) zum Schutze des Weibes und versicherte mir, es sei wirklich ausgeschlossen, bei dieser Gefahr noch Wasser zu schöpfen. Als ich dann aber verlangte, es_ solle ein Mann hinuntergehen, um die Schlange herauszuholen, bekam ich nur ein entrüstetes „Unmöglich“ zur Antwort. Selbst der Beherzteste von ihnen liess sich nicht durch Versprechungen von Tabak und einem Schnaps dazu bewegen, obwohl das doch sonst immer zieht. So blieb mir nichts übrig, als selber hinabzugehen.

Ich nahm ein Gefäss mit, um Blätter usw. vom Wasser abzuschöpfen und — um gegebenenfalls die Schlange zu fangen. Sobald sich meine Augen an das unten herrschende Dämmerlicht gewöhnt hatten, sah ich in derselben Mauernische, in die ich den Fuss gesetzt hatte, tatsächlich eine 50 Zentimeter lange Schlange hocken, die mich in aufgerichteter Stellung feindselig anstarrte, und ich muss sagen, dass in dieser dunklen Beleuchtung ihr faszinierender Blick wirklich ganz sonderbar wirkte. Nur mit Mühe gelang es mir, sie aus der Nische zu vertreiben, sie wich stets mit eleganten Verbeugungen und Windungen aus. Als ich sie endlich im Wasser hatte, tauchte sie ganz tadellos, um alsdann ebenso vorzüglich zu schwimmen. Nachdem sie mir einige Male tauchend entschlüpft war, gelang es mir. sie mit dem Eimer zu fangen. Als der Eimer oben war, bewaffneten sich die Schwarzen mit Steinen und erötfneten ein hageldichtes Bombardement auf das ausgeschüttete Tier, bis von ihm kein Fetzen mehr übrig war.

Dass eine Schlange von selber einen Menschen angriff, habe ich nur ein einziges Mal erlebt: Ich ging mit einem Gefährten einen schmalen Weg durch dichtes Gras und Gestrüpp, als ich eine 60 Zentimeter lange Schlange aus einem Grasbüschel heraushuschen sah direkt auf meine Füsse zu; ich sprang entsetzt zurück, meinen Gefährten am Arm reissend, wodurch dieser stehen blieb; einen Moment das bekannte Stutzen der Schlange, dann flog sie förmlich aut die Füsse des anderen zu, der mich anguckte, nicht wissend, was ich wollte, da ich Vor plötzlichem Schreck nicht reden konnte; in dem Moment jedoch, wo die Schlange den Oberkörper aufrichtete zum Biss, bekam ich meine Bewegungsfähgkeit wieder und konnte sie mit einem Stück Eisen, das ich zufällig in der Hand hatte, niederschlagen.

In zwei anderen Fällen ging ich im Dunkeln durch niedriges Gestrüpp, als ich vor mir ein Rascheln zu hören glaubte, das mich stutzen liess, und beim klaren Sternenschein erkannte ich eine Schlange, die auf der Spitze eines Busches hochaufgerichtet sass, das eine Mal sogar mit ihrem Kopf nur zwei Hände breit von meinem Gesicht. Beide Male ahnte ich die Gefahr eigentlich mehr, als dass ich sie sah; damit fand ich eine Erzählung eines alten Afrikaners bestätigt, die mir bisher stets etwas unglaublich vorgekommen war. Er berichtet, dass er nachts allein geritten sei und abgesattelt habe ohne Feuer zu machen wegen Feindesnähe; da sei ihm plötzlich eigentümlich zumute geworden, da ihn ein unerklärliches Angstgefühl befallen habe, auch habe er das bekannte Gefühl gehabt, als ob ihn jemand schart fixierte. Da sei sein Auge auf einen weissen Fleck gefallen, den er als die Brust einer Schlange erkannte, die zwischen seinen ausgestreckten Beinen aufgerichtet hockte, ihn unverwandt anstierend.

Die tollste Schlangengeschichte passierte mir, als ich im Felde auf nächtlicher Ochsenwache war. Wegen der Nähe der Hottentotten durften wir nur ein kleines verslecktes Feuerchen anmachen, das wir in dichtem Dorngebüsch auch ziemlich sicher vor Entdeckung schwach brennen liessen, um nur einen warmen Schluck Kalfee zu haben; dann löschte leise fallender Regen das Feuer fast gänzlich aus. Um Mitternacht wurde ich abgelöst und legte mich schlafen, wobei ich meine langenReitstiefel, die mich arg drückten, auszog,ihre Schaftöffnung aber des Regens wegen mit unter den Woilach steckte, in den ich mich wickelte. Schon vor 2 Uhr wurde ich geweckt; rasch zog ich die Stiefel an, nein – nur einen, denn im andern war etwas drin. Während mein Kamerad die fast erloschene Glut etwas anblies, stampfte und klopfte ich, bis endlich etwas mit schwerem aber weichem Fall herausplumpste. Ich stiess das Ding mit dem Finger an, um im selben Augenblick einen Salto mortale rückwärts durch den Dornbusch zu machen; beim aufglimmenden Schein der Feuersglut halle ich gesehen, dass sich etwas blitzschnell einen halben Fuss hoch aufrichtete und steif stehen blieb: eine Schlange! Nur soviel hatte ich bei meinem Sprung noch gesehen, dass zwischen dem Feuer, das zu meinen Füssen gebrannt hatte, und der Schlange noch der Arm eines unsrer Kaffem lag. Die Schlange lag also fast in der Achselhöhle des Schwarzen. Heute noch ist es mir unbegreiflich, wie ich diesen wunderbaren Sprung rückwärts fertigbrachte quer durch den Busch; und wer einen Hakiesdorn kennt, den der Bur humorvoll „Wart- ein – bischen – Busch“ nennt, wird dies begreifen. Im Bruchteil einer Sekunde möchte ich sagen, war ich aber auch schon wieder um den Busch herum und hatte durch Dornen hindurch den Kaffem an den Beinen weggezerrt.

Inzwischen war das Tier unter meine Decke gehuscht. Jetzt erst hatte ich Zeit, meinem erstaunten Kameraden und dem noch verblüffteren Kaffem zu sagen, was los war. Nun half aber nichts mehr, es musste Feuer angemacht werden ohne Rücksicht auf etwaige feindliche Hottentotten, erst musste die Schlange dran, das war die Hauptsache. Mit Todesverachtung,für die ich eigentlich „das Schwarz-Weisse“ verdient hätte, angelte ich mir erstmal meinenStiefel und das Gewehr, das natürlich mit unter der Decke geschlafen hatte. Jetzt verkroch sich die Schlange unter den Sattel. Nun also Seitengewehre aufgepflanzt und so lange unter den Sattel gestochen, bis sie festgenagelt war! Aber erst als wir Feuerbrände zu Hilfe nahmen, unterlag das Tier nach einigen Minuten. Es war eine Puffotter von mässiger Grösse, etwa 1,00 bis 1,10 Meter lang.

Die meisten Schlangen, die man findet, sind von mässiger Länge, etwa 40 bis 60 Zentimeter, und fingerdick. Puffottern habe ich beobachtet von 0,80 bis 1,60 Meter Länge und bis zur Stärke eines Oberarms. Die grösste Schlange, von der ich verbürgt gehört habe, war 4,20 Meter; diese wurde von einem Einjährigen im nördlichsten Hererolande geschossen.

Bei dem Biss der giftigen Schlangen wendet man hier vielfach die sogenannte „Springschlange“ an, eine Art Eidechse, von der die Eingeborenen einzelne Teile trocknen und pulverisieren. Von diesem Pulver wird ein wenig in der Nähe der Bisswunde eingeschniltcn, worauf angeblich das Schlangengift herauseitern soll. Sicherer wirkt jedenfalls übermangansaures Kali, von dem einige Kristalle, nahe der Bisswunde eingeschnitten, ziemlich sichere Rettung bringen. Natürlich kennen die Eingeborenen auch das sofortige Ausschneiden und Brennen der Wunde; ebenso den Alkohol als Gegenmittel.

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