Die Handelstadt Tanga in Deutsch-Ostafrika

aus dem Kunstmuseum Hamburg.


Landschaftlich noch schöner als die Hauptstadt Daressalam liegt Tanga, der nördlichste Hafen Deutsch-Ostafrikas. Tanga ist neben Daressalam die wichtigste Handelsstadt der Kolonie. Daressalam kann zwar im Augenblick etwas grössere Ein- und Ausfuhrzahlen aufweisen als Tanga, doch ist dies wohl in der Hauptsache auf Rechnung des Eisenbahnbaus zu setzen, dessen Materialien bei der Einfuhr dem Werte nach stark ins Gewicht fallen. Die reinen Handelswerte dürften sich in Daressalam und Tanga die Wage halten. Dies bestätigt auch ein Blick aut die Statistik über den Schiffsverkehr in beiden Häfen. Sic wurden im letzten und vorletzten Jahr ungefähr von derselben Anzahl von Schiffen angelaufen. Nach dem amtlichen Jahresbericht betrug Tangas Ein- und Ausfuhr in den letzten Jahren:

Daraus geht bei einem Vergleich der entsprechenden Zahlen von Daressalam hervor, dass der Handel Tangas in seiner Entwicklung mehr Stetigkeit gezeigt hat, als der von Daressalam. Allerdings geniesst Tanga schon seit Jahren die Segnungen einer Bahnverbindung mit dem Hinterland, sein Handel konnte sich also leichter entwickeln als derjenige der andern Kiistenplätze. Gleich nach Erwerbung der Kolonie fiel der Blick unserer ersten Kolonialpioniere auf das Hinterland von Tanga, die Usam-baraberge, deren Hänge und Täler für allerlei Plantagenkulturen in grossem Stil, namentlich den Kaffeebau, besonders geeignet erschienen, um so mehr als die Nähe der Küste die Verkehrsschwierigkeiten einigermassen verringerte. Von Tanga gingen also von Anfang an alle grösseren Unternehmungen aus. Wir brauchen hier auf die Einzelheiten nicht weiter einzugehen, sie sind einerseits auf Seite 116/17 des Werkes bei der Kaffekultur geschildert, andererseits auf Seite 96 bei Besprechung der Usambarabahn, die in Tanga ihren Ausgang nimmt.

Wenn sich das Schiff von Aden und Mombassa, dem englischen Nachbarhafen, kommend Tanga nähert, so erscheint zuerst auf einer weit ins Meer hinausragenden Landzunge der schöne Leuchtturm von Ulenge, der in maurischem Stil erbaut der mit Kokospalmen umsäumten Landschaft malerisch sich cinfügt Daneben eine Erholungsstation für Weisse in demselben Stil. Nach kurzer Fahrt zwischen Korallenriffen hindurch, an der sogenannten Toteninsel vorbei, öffnet sich das prachtvolle Hafenbecken von Tanga vor den staunenden Blicken des Reisenden, belebt von zahlreichen Fischerbooten und arabischen Dhaus, und eingefasst von üppigstem Pflanzenwuchs,dem mächtige Affenbrot-und Mangobäume und schlanke Kokospalmen das Gepräge geben. Am Eingang in den Hafen das schöne Hospital mit seinen weissen Gebäuden, am Landungspier der mächtige Zollschuppen und am hohen Ufer die Regierungsgebäude und Handelshäuser. Dahinter als Abschlussdeswundervollen Landschaftsbildes die blauen Berge Usambaras. Nun geht’s durch die prächtigeStrand-Strasse an den Parkanlagen des Kaisergartens vorbei nach dem offiziellen Viertel von Tanga, der von Wissmann erbauten Borna und dem Bezirksamt, dessen Veranda einen herrlichen Rundblick über den Hafen bietet.

Tanga hat den Vergleich mit andern afrikanischen Hafenstädten nicht zu scheuen. Schöne wohlgepflegte Strassen mit prächtigen Alleebäumen, stattliche Geschäftshäuser und Hotels geben der Stadt ein freundliches und zugleich elegantes Aussehen. Und in hübschen Gärten liegen die Wohnhäuser der Europäer. Auf dem Marktplatz mit der grossen Markthalle herrscht reges Leben. Daneben hat die Gemeinde Tanga ihre Baumwollginanlagc mit Dampfbetrieb. Auch das Neger- und Inder-Viertel liegt sauber und wohlgeordnet gehalten mit breiten Strassen unter Kokospalmen und Mangobäumen. Von besonderem Interesse ist die Regierungsschule für Schwarze, die offenbar richtig erfasst hat, an welchem Ende die Erziehung der Eingeborenen anzupacken ist. Nicht auf reine Schulweisheit, Schreiben und Lesen, wird der Hauptnachdruck gelegt, sondern auf die Ausbildung in nützlichen Handfertigkeiten, überhaupt auf die Erziehung zur Arbeit. Tischler, Maurer und andere Handwerker gehen aus dieser Schule hervor und damit wird einem dringenden Bedürfnis der Europäer abgeholfen, andererseits ist auch den Schwarzen selbst damit gedient. Ebenso ist im Anschluss an die Schule eine gut eingerichtete Druckerei geschaffen worden, die zum grossen Teil von Schülern bedient wird. Die Unterrichtssprache ist die Landessprache (nämlich Kisuaheli, dessen Bedeutung auf Seite 38 unsres Werkes erörtert ist. Allgemeine Anerkennung findet die aus musikbegabten Schülern zusammengesetzte Kapelle, welche die musikalischen Bedürfnisse Tangas bestreitet und entschieden ernst genommen werden darf. Alles in allem gilt die Tangaer Regierungsschule mit Recht als eine Musteranstalt, welche die Erziehung des schwarzen Nachwuchses unter den Gesichtspunkten einer gesunden Eingeborenenpolitik betreibt.

Nun zum Hafen und zur Eisenbahn. Der Hafen, so imposant er von der See aussieht, entspricht noch lange nicht dem Ideal einer solchen Verkehrseinrichtung. Der Mangel an Mitteln hat sich bisher immer fühlbar gemacht und die Landungs- und Ladevorrichlungen auf das bescheidenste Mass beschränkt. Mit den Einrichtungen Daressalams können sich die von Tanga noch nicht messen. Wie dort müssen auch hier die Schiffe weit draussen ankern und die Ausschiffung und Ladung mit Leichtern besorgt werden. Einen Kai, an dem die kleineren Fahrzeuge direkt anlegen können, wie in Daressalam. gibt es nicht, die Dhaus laufen bei Flut ganz einfach auf den Strand und bleiben bis zur nächsten Flut liegen. Natürlich werden in nächster Zeit moderne Hafeneinrichtungen geschaffen werden müssen, nachdem jetzt die Fortführung der Usambarabahn nach dem Kilimandjaro in Angriff genommen ist. Der Bahnhof, den ein Bild auf Seite 97 des Buches zeigt, ist ein schmuckes Gebäude und genügt auf absehbare Zeit den Anforderungen des Verkehrs.

Erwähnenswert ist übrigens die Strassenbahn von Tanga; natürlich keine elektrische. Die treibende Kraft sind lediglich Schwarze, die kleine auf Schienen laufende Wägelchen vor sich herschieben. Es ist dies eine Einrichtung, die man auch in andern afrikanischen Hafenstädten, z. B. Mombassa und Beira, hat. Den übrigen Strassenverkchr besorgen, wie in Daressalam, die ebenfalls von Schwarzen gezogenen Rickschahs, die Droschken des fernen Ostens. Nächtlicherweile ist Tanga beleuchtet, allerdings nur mit biederem Petroleum, nicht elektrisch wie die Haupt- und Residenzstadt Daressalam. Aber was nicht ist, kann noch werden. Natürlich fehlt es in Tanga auch nicht an Stätten, „wo man einen Guten schänkt“.

Nun noch etwas fürs Gemüt. Auf dem Bismarckplatz, beschattet von herrlichen Mangobäumen steht das Denkmal des eisernen Kanzlers. In der Nähe ein hübscher Musikpavillon, in dem an Festtagen die Schülerkapelle ihre Weisen ertönen lässt. Daneben erhebt sich das freundliche und luftige Heim des Deutschen Klubs (Bild 1) mit seinen breiten Veranden und prächtigem Garten. Der Deutsche Klub ist der gesellige Sammelpunkt der vielen Deutschen, die in Tanga selbst als Kaufleute, Pflanzer oder Beamte oder in der weiteren Umgebung Tangas, namentlich im Hinterland, den Usambara – Bergen, ihrem aufreibenden Beruf nachgehen. Sie alle suchen nach des Tages Last und Hitze oder wenn sie alle paar Wochen oder Monate aus dem Innern in Geschäften nach Tanga kommen, im Klub Erholung, Anregung und Zuspruch. Auch Vorbeircisende oder Neulinge, die in Ostafrika eine Stellung antreten oder erst suchen wollen, finden im Klub in Tanga freundliche Aufnahme und Unterstützung mit Rat und Tat. Es ist in dem hier abgebildeten behaglichen Heim des Klubs für alle möglichen Bequemlichkeiten und geistige Anregungdurch Bibliothek und Lesezimmer usw. gesorgt, sogar Fremdenzimmer sind vorhanden. Hier wird echt deutsche Geselligkeitgepf legt, und das ist um so wichtiger, als sich in manchen Kolonien leider englisches Wesen breit zu machen droht.

Unsern Landsleuten in Tanga ist schon oft ihr Selbstbewusstsein und ihr unabhängiger Sinn zum Vorwurf gemacht worden. Demgegenüber muss daran erinnert werden, dass Tanga mit seinem Hinterland fast wie ein verlorener Posten jahrelang das einzige Gebiet der Kolonie war, in dem wirklich planmässig, wenn auch zeitweise erfolglos gearbeitet wurde. Mit zäher Energie und unter mannigfachen Entbehrungen wurden dort von unsern Landsleuten trotz der geringen Hilfe seitens des Mutterlandes erhebliche Werte geschaffen. Unter diesen Verhältnissen bildete sich in Tanga jenes starke Unabhängigkeitsgefühl, eine Art hanseatischen Geistes aus, der dem gesellschaftlichen Leben im Gegensatz zu demjenigen der vornehmen Haupt- und Residenzstadt Daressalam ein freieres Gepräge verleiht. Aber gerade dieser Geist ist es, dem in den Kolonien die Zukunft gehört.

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